Sonntag, 18. November 2012

Kinder mit Behinderung... und andere Facebooksprüche

Kinder MIT Behinderung sind NICHT Krank,
sie brauchen KEINE Therapie,
sondern AKZEPTANZ!!!!!!!!!!!

Dieser Spruch geistert immer wieder durch Facebook und wird auch von betroffenen Eltern geteilt. Von Normaloeltern kann ich es ja verstehen, als verzweifelter Versuch etwas richtiges zu sagen. Aber von betroffenen Eltern?

Die würden schön blöd aus der Wäsche schauen, wenn sie einen Brief von der Krankenkasse bekämen:
Sehr geehrte Eltern,

gerne übernehmen wir die Akzeptanz für die Behinderung Ihres Kindes.

Leider müssen wir damit die Kostenübernahme für die Logopädie, die Ergotherapie, die Krankengymnastik, die therapeutische Behandlung der Epilepsie usw ablehnen. Wie Sie selber festgestellt haben, braucht Ihr Kind ja neben der Akzeptanz keine Therapie.

Natürlich ist es sinnvoll, daß die Gesellschaft behinderte Kinder so akzeptiert wie sie sind und keine übergroße Anpassung der Behinderten an die Gesellschaft verlangt, aber deswegen gleich die Therapie und damit auch die Entwicklungsmöglichkeiten abzulehnen, ist Menschenverachtend.

Weiterhin suggeriert der Spruch, daß allgemeine Akzeptanz das Allheilmittel ist. Akzeptanz ist hilfreich, ja sogar notwendig. Das zeigte besonders Roberts Bäckereierlebnis.

Auch dieser Spruch behindert ist man nicht, behindert wird man. Ja, in einigen Punkten mag eine Anpassung der äußeren Umgebung den Alltag erleichtern, aber ein Behinderter ist nunmal behindert und hat damit seine individuellen Leistungsgrenzen. Diese sind gegeben wie bei jedem anderen Menschen auch. Nur sind diese Grenzen enger. So wie ich nie eine Basketballstar werden kann, weil ich mit gerade 1,60 dazu einfach nicht tauge, wird mein Kind nie überhaupt einen Sportverein aufsuchen. So wie ich nie ein Künstler werde, wird mein Kind nie einen Stift überhaupt nur normal halten können.

Aber dieser Spruch verharmlost auch den kräftezehrenden Alltag, den wir teilweise mit unseren Kindern haben.

Wenn sich mein Kind in der Öffentlichkeit schlecht benimmt, nicht laufen will, ich mehrfach am Tag den Rolli ins Auto heben kann und das Kind hinterher, weil er nicht einsteigen will. Wenn ein Fahrradausflug nicht möglich ist, ein Schwimmbadbesuch zum Krafttraining aber nicht zur Erholung wird, dann hat das nichts mit behindernden Einflüssen von außen zu tun, da wird schon sehr viel getan. Nein, das Problem ist die Behinderung schlicht und ergreifend und das kann man sich auch nicht schön reden.

Und wenn Ihr jetzt denkt, ich muß nur die wahren Schönheiten von Holland kennenlernen, dann sind wir gleich bei dem nächsten Text, den ich nicht ausstehen kann.

Nein, ich weine nicht dem nicht erreichten Ziel Italien hinterher. Ich will aber auch, daß mein Reiseziel nicht mit einer bequemen Reise in ein anderes schönes Reiseland gleichgesetzt wird.

Ich finde "Holland" mit den vielen Arztterminen, der permanenten Therapie (die ja gar nicht nötig ist) und der Suche nach Betreuungspersonen, wenn ich dann doch mal in Holland an den Strand möchte, ziemlich stressig und will das auch sagen dürfen.

Das heißt beiweitem nicht, daß ich nicht die Schönheiten sehe, ohja, ich sehe sie. Aber ich will auch, daß das, was ich leiste, gesehen wird und in seiner Schwere und Kompliziertheit des Alltags erkannt und nicht mit Tulpen und Windmühlen (bestenfalls den Kampf dagegen) gleichgesetzt wird.

Und auch wenn ich das erkannt und anerkannt haben will, brauche ich dafür nicht einen Heiligenschein einer Spezialmutter ;-)



Kommentare:

  1. Ich als Normalomutter fand diese ganzen Texte immer ein wenig befremdlich. Unsere Gesellschaft ist nun mal so wie sie ist, die Umwelt abgestimmt auf Normalomenschen. Ich schreibe das wertfrei ohne zu urteilen - es ist so wie es ist. Es ist löblich die Barrieren im Kopf zu sprengen, aber die Hindernisse im Alltag, die das Leben für behinderte Menschen so schwer machen, werden dadurch nicht kleiner! Ich als Einzelkind-Mama finde es mit gesundem Kind schon schwer genug, ich kann mir nur wage vorstellen, was eine Mutter eines behinderten Kindes leisten muss. Sie haben meinen Respekt und meine Achtung und alle Menschen dieser Welt haben das Recht, sich an andere Orte zu wünschen. Liebe ist mächtig, vor allem Mutterliebe, aber das echte Leben ist nun mal kein Ponyhof und kein Wunschkonzert! Holland ist sicherlich ein schönes Reiseziel, aber da regnet es oft und der Wind verwüstet einem immer die Haare und manchmal wäre der Blick auf ein paar Berge auch schon, oder? ;-) Fühl dich gedrückt! LG Frau Zausel

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  2. Deine Worte sind mir aus der Seele geschrieben - danke!

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  3. Du brauchtest Aufmunterung in jeder Form.
    Ich kann nur schreiben, dass ich Anteil an deinem Leben nehme.
    Worte des Mitleids helfen wenig.

    Viel Zuversicht wünsche ich dir
    Elisabeth

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  4. Danke für die Worte. Sie rücken meine Sichtweise in eine andere Richtung.

    Liebe Grüße
    Andrea

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  5. Muschelsucherin... Du bist ein Schatz!
    Danke für Deine Worte!
    Elisabeth

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  6. Oh, so vielen Dank für diesen Beitrag! Diese esoterisch angehauchte "die besonderen Kinder suchen sich ihre Familien aus", "es hat alles einen tieferen Sinn" etc. etc. (du hast sie ja genannt) - Denke geht mir wirklich sehr auf die Nerven. Das mag einem die ersten Wochen nach Erkenntnis der Sachlage trösten, und ich finde es dann auch in Ordnung, aber auf Dauer geht es doch darum, dass man Hilfe bekommt, wenn man sie braucht. Ganz oft geht es nämlich nicht um Akzeptanz, sondern wie immer, um bares Geld. Dieses Spießrutenlaufen mit dem MDK zum Beispiel. Jedes Mal ist das für mich der Horrortermin des Jahres. Oder der Kampf um Schulplatz, Geländer und Begleitungen und ich weiß-nicht-was an den Schulen. Und immer hatten die Damen und Herren vom z.B. Schulamt oder der Krankenhaus viel Verständnis, Mitgefühl und (am schlimmsten) Mitleid, aber - wenn es dann Geld kostet? Pech.

    Für mich war es ganz schrecklich, dass im ferneren Bekanntenkreis (Schulkamerad des Kindes) sich ein junger Vater vor kurzem das Leben genommen hat, weil er mit der Familiensituation (kleines behindertes Kind, von Frau frisch getrennt) nicht mehr zurecht kam. Das "Holland" eben auch solche Schicksale mit sich bringt, wird mit solchen peinlichen Vergleichen einfach unter den Tisch gekehrt. So ändert sich nie etwas und die psychologische Betreuung von Eltern, die dummerweise "nur" den falschen Flieger erwischt haben, finanziert so auch keiner.

    Liebe Grüße, frifris

    Komisch, ich schreibe immer so "wütende" Kommentare bei dir. Dabei bin ich gar nicht so, sondern ich habe mich wirklich über deinen Artikel gefreut, und bin auch kein Misanthrop. Chronisch gestresst vielleicht ;)
    Also, nur mal um zu sagen, dass ich eigentlich generell ein optimistisches Naturell habe, und es schade finde, dass ich hier immer etwas negativ kommentiere. Ich muss mal in einem guten Moment (nach einer Nacht mit Schlaf, z.B. )kommentieren.

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  7. Das hast du gut geschrieben Ingeborg! Mich nervt es manchmal auch, dass wir als Familie, wo alle ,auch die Eltern Einschränkungen haben, auch einfach in eine Schublade gepresst werden.Wir werden schon auch bewundert, aber wie ernst das unsere Umwelt meint weiss ich nicht.
    Ich bin zwar ein sehr optimistischer Kämpfer und ja auch Christin, aber einfach ist es oft trotzdem nicht.
    Lg perle* Margot

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  8. Das hast du gut geschrieben Ingeborg! Mich nervt es manchmal auch, dass wir als Familie, wo alle ,auch die Eltern Einschränkungen haben, auch einfach in eine Schublade gepresst werden.Wir werden schon auch bewundert, aber wie ernst das unsere Umwelt meint weiss ich nicht.
    Ich bin zwar ein sehr optimistischer Kämpfer und ja auch Christin, aber einfach ist es oft trotzdem nicht.
    Lg perle* Margot

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  9. Also nochmal( Beitrag ist verschwunden).Ingeborg, ich kann dir nur recht geben.Gerade als Familie,wo auch die Eltern Einschränkungen haben,empfinde ich es oft so, dass wir in eine Schublade gesteckt werden.Wir werden schon auch bewundert.Aber wie echt das gemeint ist, weiss ich nicht.Ich bin zwar eine optimistische Kämpferin und ja auch Christin.Trotzdem ist es oft nicht einfach.

    Liebe Grüsse

    perle* Margot

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