Sonntag, 10. Juni 2012

Lviv, Lwow, Lemberg... Kenn ich! - Kenn ich??

Als gestern Abend das Fußballspiel aus der Ukraine übertragen wurde und Bilder aus Lviv gezeigt wurden, blickte die Familie immer wieder auf mich und fragte: Und kennst Du das???

Nein, kannte ich nicht, ich kannte ein anderes Lemberg, eines von vor 12 Jahren. Eines das nur einen militärischen Flughafen hatte, auf dem Behindertensonderflüge mit Ausnahmegenehmigungen landen durften. Ein Flughafen ohne Toiletten und Wartebereiche. Ohne Sicherheits- und Navigationssysteme für zivile Luftfahrt, das bedeutet keine Landung, kein Start bei schlechtem Wetter. Lediglich Sichtanflug war möglich, daher kam es immer zu langen Wartezeiten und Verzögerungen. Man wurde von Soldaten mit Gewehren bewacht, fast eingefercht und wurde zurückgetrieben, wenn man den mit Strichen umzeichneten Wartebereich in einer Halle auch nur ansatzweise verließ.

Ich habe Lemberg nur bei schlechtem Novemberwetter gesehen, schlechte Straßen, ein nettes Stadtzentrum aber ansonsten trostlose Wohnblöcke mit Fenstern, die mit Zeitungen verklebt waren.

Gleichzeitig lief im Bus eine Stadtführungscassette, die darauf hinwies, daß Lemberg ein kulturelles Zentrum sei.

Da fragte ich mich, warum ich wirklich die Reise mit meinem behinderten Kind dahin gewagt hatte, um eine neue Therapie auszuprobieren.

Eine Fahrt auf trostlosen Straßen, militärisch abgeriegelt, jede Kreuzung war abgesperrt und militärisch für unsere Busse gesichert. Später erfuhr ich, daß es wohl eine Versichtsmaßnahme war, da die Flick- Tochter dabei war und man eine Entführung befürchtete.

Aber alles wurde gut, sobald wir im Sanatorium in Truskavetz (südlich von Lemberg) waren, und wir kamen 3 weitere Male wieder. Ich verlinke unten den Bericht.

Neulich habe ich im Annastift eine Mutter getroffen, die erst kürzlich da war. Ich fragte nach all den Menschen, Ärzten, Therapeuten, Masseuren, die mir dort ans Herz gewachsen waren. Sie waren alle verstorben oder ernsthaft erkrankt. Das tat sehr weh, das zu hören.

Hier könnt Ihr den Bericht aus dem Jahr 2000 lesen, seltsam, wie hoffnungsvoll ich damals noch war, daß die Behinderung doch nicht so schlimm sei. Tja, man arbeitet sich als Mutter eben häppchenweise an die Wahrheit heran.

Kommentare:

  1. Hinterher staunt man immer, dass man "überlebt" hat.

    Sonnige Grüße
    Elisabeth

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    1. Und das ganze hat 8000 DM gekostet. Echter Abenteuerurlaub eben ;-)

      Aber letztendlich war es wunderschön. Wir haben so viele Nettigkeiten erfahren.

      Liebe Grüße

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  2. Dein letzter Satz ist so wahr. "Häppchenweise", und es hört nicht auf. Geht es Dir heute noch so, dass Du immerwieder neu hoffst, immerwieder ganz fest wünscht "es soll bitte besser werden?"
    Robert ist ja körperlich irgendwie ganz fit. Wenn auch für die Ärzte "auffällig zu klein".... aber dann kommt wieder ein Anfall, dann kommt wieder ein Vergleich zu "normalen" 11jährigen und dann ist wieder ein Tag voller Traurigkeit, tatsächlich auch noch immer Unfassbarkeit, dass es so ist wie es ist!
    Du hast so viel getan für Deinen J. Das wird es wohl auch sein, dass er geduldig ist, so brav. Er hat eine Mama die ihn so lieb hat und alles gibt. Dein Bericht macht fast ein bisschen Angst. Jetzt nicht wegen J., sondern wegen dem was Du dort ganz echt, real erlebt hast. Und nun die Info, wie krank oder schon gestorben dort die Menschen die für Euch da waren schon sind. Oder all die Fernsehbilder die gut verstecken was hinter den Fassaden dort für die ganz normalen Menschen Tag für Tag das Leben bedeutet....
    Wie hast Du es geschafft dort mit den Menschen zu reden? Englisch? Oh, ich werde später (wenn ich wieder Zeit habe) Deinen Link lesen und dann beantworten sich die Fragen vielleicht von selber
    liebe Grüsse aus einem im Wasser versinkenden Bayern, schönen Sonntag
    Elisabeth

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    1. Ja, auch heute ist es immer noch so, daß ich hoffe, alles wird besser. Bei manchen Dingen, sehe ich erstaunt, wieviel normaler es geworden ist. Gerade in Bereichen, in denen ich es nicht erwartet hätte.

      Die Trauer, daß alles so ist, wie es ist, ist immer latent vorhanden. Mein Mann sagt, Mehltau auf der Seele. Mal kommt sie stärker zum Tragen, mal ist sie einfach nur da.

      Aber auf dieser Basis kann man ein glückliches und zufriedenes Leben leben. Aber man muß sich auch das Trauern eingestehen dürfen.

      Liebe Grüße

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    2. Achso, sie sprachen im Sanatorium gut deutsch (daher kam das Geld), ich habe aber auch Russisch im Studium gelernt und das was ich noch konnte, hat mir einiges geholfen.

      Ich war auch in der Stadt nicht so aufgeschmissen, wenn dort auch Ukrainisch gesprochen wird, konnte ich doch die Schilder etc einigermaßen Lesen.

      In den Geschäften war es so, daß die Preise mit dem Abakus ausgerechnet wurden und dann in den Taschenrechner eingetippt wurden, um uns den Preis als Zahl zu zeigen ;-)

      Liebe Grüße

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  3. Heute war sie bei uns wieder ganz da. Diese Trauer.
    1.Schultag nach den Pfingsferien. Robert steht draussen, wartet auf den Bus. Drei Buben, auch 11 Jahre laufen vorbei: "Ich fahr auch mit dem Bus." sagt Robert. "Ja, aber wir fahren zum Gymnasium!" Robert: "Da könnte ich auch mal hinfahren, oder Mama?"
    Diesmal waren es drei Kinder, die ihn mögen, leise über ihn lächeln. Leider sind die Kinder die ihn auslachen sehr in der Überzahl. "Warum sagt er bloss sowas?"...Susanne ist verzweifelt weil er sich in solche Situationen bringt.
    Troztdem lassen wir uns nicht unterkriegen. Ihr nicht, wir nicht
    liebe Grüsse
    Elisabeth

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    1. Nein, unterkriegen lassen werden wir uns bestimmt nicht. Aber es ist auch unser Recht von diesen schmerzenden Stichen zu reden. Das geht nämlich oft in den strahlenden Berichten, wie toll das Leben mit einem behinderten Kind ist, unter. Mein behindertes Kind ist toll, keine Frage. Aber schmerzhafte Stiche gibt es immer wieder.

      Susanne kann ich auch zu gut verstehen. Wie gut, daß es verständige Jungen waren und keine aus der Überzahl.

      Liebe Grüße

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