Mittwoch, 2. Mai 2012

anders reisen

Daß das Verreisen mit dem Rollstuhl etwas besonderes ist, habe ich hier ja schon des häufigeren erwähnt, aber daß eine Kreuzfahrt, auf die man nur im Theater mit einer Improvisationstheatertruppe geht, auch gleich anders verläuft, hatte ich nicht erwartet.

Wir haben uns Karten für ein geniales Improvisationstheater gekauft. 3x mittlere Kategorie und weil sonst alle Plätze ausverkauft waren, einmal die günstigste Karte.

Es war innerhalb der Preisgruppen freie Platzwahl, so daß wir kurz vor knapp keine zusammenhängenden Plätze mehr bekamen, alles eng war, man mit dem Rolli nicht durchkam oder J. auch nicht hätte sich durch die Reihen quetschen können.

Also bot uns die Platzanweiserin an, doch alle zusammen auf die günstigsten Plätze zu gehen. Die waren neben der Bühne leicht seitlich. Abgetrennt vom Rest des Zuschauersaals. Man saß auf Heringsfässern und Fischkisten, Kartoffelsäcke und Fischnetze lagen herum, aber es war total lauschig und gemütlich. Dazu hatten wir Platz für den Rolli, gute Sicht und waren sehr zufrieden. Freuten uns einfach auf eine improvisierte Kreuzfahrt mitgenommen zu werden.

Als die Truppe auf die Bühne kam, wurde zuerst die Reisenden der ersten Klasse begrüßt. So wie Gäste in Edelhotels und auf Nobelkreuzfahrtschiffen eben begrüßt werden. Diese saßen vorne an der Bühne an Tischen in kleinen Gruppen.

Etwas knapper fiel die Begrüßung für die Reisenden der 2. Klasse aus. Diese saßen hinter der ersten Klasse in Stuhlreihen.

Wir als Reisende der 3. Klasse sitzend auf und zwischen Heringsfässern wurden nur knapp als anwesend erwähnt.

Da dieses Improvisationstheater vom Zuschauerzuruf lebt, mußte das als erstes geübt werden. Die erste Klasse sollte laut einen Gegenstand rufen, die sie mit einem Schiff verbinden. Das taten sie und wurden sehr gelobt.

Die zweite Klasse sollte einen Begriff rufen, der mit Kreuzfahrt zu tun hat (wieso kam da eigentlich immer Italiener?) - auch dieses taten sie mit Bravur und bekamen Lob.

Mit einem Augenverdreher wendete man sich an uns 7 Passagiere der 3. Klasse und wir sollten doch echt geografische Fragen beantworten.
Immerhin konnten wir das tun - danke an dieser Stelle an meinen Erdkundelehrer, der uns mit stummen Karten traktiert hat.

So haben wir uns wenigstens nicht schon vor der Show blamiert. "Das sind wohl downgegradete 1. Klasse Passagiere!"
Für unseren 2. Sohn war es das Highlight, daß er die Künstler, die vor die Tür mußten, weil sie etwas nicht hören durften, immer nach draußen begleiten durfte. 
Der ganze Saal mußte dann seinen Namen rufen, damit sie wieder reinkommen und er bekamt Applaus bis er wieder (auf seiner Fischkiste) Platz genommen hatte.

Wir aus der 3. Klasse durften auch nicht in die Pause gehen - Stichwort Hand gegen Koje. Wir bekamen ein Klemmbrett, Papier, Stift, Jägermeister und Ahoi Brause gereicht und mußten die Pause damit verbringen, eine Hommage an die Reisenden der ersten Klasse zu schreiben und dieses sollten wir nach der Pause auf der Bühne vortragen.

Von der Bühne wurde verkündet, daß uns ein donnernder Applaus sicher sei, egal wie schlecht das Gedicht sei, denn alle anderen seien sehr dankbar, daß sie diese Aufgabe jetzt nicht hätten. 

Es kamen wirklich einige der "besseren Gäste" vorbei und fragten, ob das jetzt echt sei. Unser Gedicht war grotten schlecht, aber wir haben in unserer Billigfischkistenecke den wahren Spaß des Abends gehabt.





http://www.facebook.com/permalink.php?story_fbid=10150777342234857&id=266028824856 - dort ist auch unser "grandioses" Gedicht zu finden.

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