Sonntag, 24. Oktober 2010

Berlin, Berlin

Berlin, Berlin... wir fahren nach Berlin

und zwar das erste Mal mit allen 4 Kindern. Schon bei den letzten Aufenthalten habe ich meinen Rollischieberblick über die Fahrstühle, Rampen, Bordsteinabsenkungen, Treppen usw. schweifen lassen und doch mit einigen Imponderabilien gerechnet. Wenn man dann sowieso 4 Kinder im Schlepptau hat, ist das ja eh wie Flöhe hüten. Da war es vielleicht sogar gut, dass einer im Rolli nicht so schnell verschwinden konnte.

Zusammengefasst kann man sagen, es war sehr anstrengend, aber auch sehr anregend. Es ging deutlich besser mit den 4 Kindern, als wir es befürchtet hatten. Dabei war ich eigentlich schon bei der Ankunft im Hauptbahnhof in Berlin so weit zu sagen, wir fahren wieder nach Hause. Aber der Reihe nach. Früh morgens sind wir um 6.10 Uhr in den Zug gestiegen, um rechtzeitig in Berlin zu sein. Schon bei der Buchung vor vielen Monaten hatten wir darauf geachtet, dass wir an einem Donnerstag in den Ferien anreisen, da am Donnerstag die letzten 4 Stunden der Öffnungszeit der staatlichen Museen kostenloser Eintritt ist.

Wir hatten am HH Hbf. nur 8 Minuten Umsteigezeit, was mit Rollstuhl nicht ganz einfach ist, weil die Fahrstühle meist von Leuten genutzt werden, die auch locker Rolltreppe fahren dürfen, was uns nicht möglich, ja sogar verboten ist.

Aber auch dieses Hindernis haben wir meisterhaft bewältigt. Beim Einsteigen in den ICE merkte ich, dass einer der Rollstuhlreifen komplett platt ist. Dies ist uns das erste Mal in den vielen Jahren von Luftbereiften Kindergefährten passiert und jetzt zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt. Am Tag zuvor hatte ich mir die abgefahrenen Mäntel argwöhnisch betrachtet, aber beschlossen, bis zur OP müssen sie noch halten, Pustekuchen, wer hört denn schon auf mich.

Tja, was tun, auf Felgen fahren ist weder für den Rolli noch für das Kind besonders gut.

Ich habe dann vom Zug aus unseren Orthopädiemechaniker angerufen, der mir gleich zusicherte, dass er in Berlin mit einem Kollegen gut befreundet sei. Er werde was organisieren. Schon bevor wir in Berlin ankamen, war klar, dass sich um 12 Uhr ein Techniker bei mir auf dem Handy melden würde.

Im Hauptbahnhof in Berlin habe ich Fahrrad und Autovermietung abgekaspert, um nach Pumpe/Preßluft zu fragen, keiner hatte was.

Dafür bekam ich dann bei der Info die Nachricht, dass man vor 2 Wochen die Preisstruktur der staatlichen Museen geändert habe und es am Donnerstag keinen freien Eintritt mehr gebe.

So standen wir dann da. Platter Reifen, unmobil und eigentlich alle Aktivitäten für die Großfamilie gestorben. Warum sollten wir denn noch bleiben.

Tja, was macht man in einer solchen Situation... erstmal gut frühstücken. Über dem Kaffee und der ansteigenden Blutzucker beschlossen wir dann die neue Preisstruktur der Museen mal genauer unter die Lupe zu nehmen. Die Alternative war für uns gar nicht schlecht. Uns erschien es so, als habe man die Preise generell gesenkt und Kinder unter 18 Jahren hatten generell freien Eintritt und eine Begleitperson für unseren Sohn war zusätzlich auch noch frei. Also kauften wir einen 3 Tages Pass für einen Erwachsenen für 19 € und uns stand die Welt der Museen offen.

Ok, der Reifen war immer noch platt, aber damit schlugen wir uns mit Bus und Bahn bis zur Museumsinsel durch, wo sie zum Glück auch große Schließfächer haben, in denen wir unser ganzes Gepäck versenken konnten.

Dort tauschten wir den Rolli gegen einen Leihrolli. Kurz nachdem wir im Museum waren, habe ich von einer Firma aus Berlin den Anruf bekommen, dass man bei uns den Notdienst machen würde. Wir verabredeten uns auf der Museumsinsel. Noch ein Anruf und ich bin mit dem Rolli raus zu dem verabredeten Behindertenparkplatz. Ruck Zuck bekamen wir einen neuen Schlauch. Das war alles schon im Vorfeld geklärt worden, welche Größe usw. Auch die Abrechnungsmodalitäten waren geklärt und unsere Daten schon erfaßt. Ich mußte nur noch unterschreiben und war keine 10 min später mit einem funktionstüchtigen Rolli wieder im Muesum gewesen. Wenn uns auch der Museumswärter und die Politessen beäugten und sich wohl keinen Reim auf das Beobachtete machen konnten.

In dem Moment war die Welt wieder in Ordnung.

Zuerst haben wir uns die alte Nationalgalerie angesehen. Die Audioführer sind sehr gut. Man sieht die Bilder mit ganz anderen Augen. Die Beschreibungen eröffnen ganz andere Sichtweisen.

Durchblicke

Im Anschluß haben wir das neue Museum unsicher gemacht. Im neuen Museum sind die Ägypter, Troja und die Nofretete untergebracht. Mit diesen Themen können gerade die Kinder schon mehr anfangen.

Gebogen

Passend zum Thema Ägypten sind die Piktogramme vor den Toiletten dort auch Hieroglyphen- unabsichtlich allerdings. Man muß schon wissen, dass man als Mann 2 Beine hat, als Frau jedoch nur 1. Allerdings haben Männer vor dem Wickeltisch auch nur ein Bein, sollen aber dennoch männlich sein. Frauen tragen allerdings ein angedeutetes Röckchen, was auf dem zweiten Blick zu erkennen ist, allerdings die wickelnde Frau wiederum sieht exakt aus wie der wickelnde Mann. Hier endlich die Gleichstellung von Mann und Frau. Verwirrend. Und die Verwirrung habe ich perfekt gemacht, als ich mit J. auf das Behinderten WC wollte, was dummerweise mit in den jeweiligen Herren oder Damentoiletten untergebracht ist. Soll ich nun J. mit aufs Damenklo nehmen oder mit ihm aufs Herrenklo gehen. Die Museumswächter dort schickten mich aufs Herrenklo mit J., was mir einige seltsame Blicke über die Schulter der Herren am Pinkelbecken einbrachte. Als ich die Toilette wieder verließ, ist eine Gruppe japanischer Männer bei meinem Anblick sofort wieder abgeschwenkt, um die passende Toilette zu suchen.

Nach diesem Museum haben wir erstmal eine ausgiebige Pause bei McD eiungelegt und uns gestärkt. Das Nikolaiviertel wollten wir den Kindern noch zeigen und da wir sowieso die Eintrittskarten hatten, sind wir auch noch in das Museum der Nikolaikirche gegangen. Auch dort gibt es sehr gute Audioführer. Die Kirche gibt auch einen guten Überblick über die wechselhafte Stadtgeschichte von Berlin.
Hätten wir keine Kinder dabei gehabt, wäre ich länger auf der Empore sitzengeblieben und hätte länger der Musik (rund um Paul Gerhard) dort gelauscht und den Blick auf diese so formschöne Kirche genossen.

Im Pergamon Museum haben wir uns auch einen Audioguide geleistet, der eine 1/2 stündige Highlightführung durch das Museum anbot. Die haben wir dann alle zusammen gemacht. Die Kinder waren schon sehr beeindruckt von den monumentalen Bauten. Nebukadneza und Babylon können sie aus der Bibel einordnen und waren schon angehaucht von der Gewaltigkeit der Geschichte, die sie da sehen durften.

Im Berliner Dom haben wir um 20.00 Uhr an der Taize Andacht teilgenommen. Der Dom war mit Kerzen illuminiert, was unglaublich stimmungsvoll war.

Berliner Dom

Die meditative, eingängige aber auch gleichbleibende Musik hat die Kinder, die auch total erschöpft von den vielen Eindrücken waren, eingeschläfert und so sind sie fast alle friedlich auf den Bänken eingeschlafen.

Berliner Dom

Nur J. blieb wach. Er war von einem der Musiker namentlich begrüßt worden. Sein Name steht ja hinten auf dem Rolli drauf. Daher war es denn SEIN Gottesdienst und er hat die Musik sehr genossen.

Was sie nicht daran hinderte auch im Hotel sofort müde in die Betten zu kippen, was gar nicht so einfach war, denn bei der Reservierung hatte das Hotel einen Fehler gemacht und uns statt 2 Familienzimmern zwei einfach Doppelzimmer zugewiesen. So endeten wir dann in 2 Suiten, was sehr edel war. Wir konnten es an dem Abend aber kaum noch würdigen, denn das Kopfkissen rief zu laut nach uns.

Für einige unserer Kinder war es die erste Nacht im Hotel. Sie kannten bisher nur Kabninen auf Schiffen. So sprachen sie dann auch von Kabinenschlüsseln statt von Zimmernschlüsseln.

Der nächste Tag zeigte Berlin eher regnerisch.

Berlin - Nebeltristesse

So sind wir dann in den Bus gestiegen und haben mit der Nummer 100 eine Stadtrundfahrt gemacht. In der Nähe des Bahnhof Zoo ist das Fotografie Museum, was wir uns auch ansahen, da es drinnen nicht regnete ;-)

Weitrer ging es mit der Nummer 200 zum Potsdamer Platz. Erste Ampel Deutschlands ansehen, das Sony Center und die Mauerstücke die dort noch auf dem Mauerverlauf stehen.

Anschließend ging es in die neue Nationalgalerie. Dort mußten wir mit dem Lastenaufzug in das Tiefgeschoß gebracht werden. Der Museumswärter fragte, ob sie einen solchen Fahrstuhl schon mal gesehen haben und ganz von Welt antworteten die Kinder, der in der Osloer Nationalgalerie sei auch so nur größer ;-)

Nachdem wir durch das Who ist Who der neuen Zeiten (1900 - 1945) geführt wurden, entdeckte mein jüngster Sohn ein naturalistisches Kriegsgemälde, was er als die großartigste Kunst empfand. Alles andere sind nur Bilder, aber das ist Kunst.

Leider ist mein Foto nicht ganz scharf geworden, da man nicht mit Blitz fotografieren durfte, aber einen Eindruck vermittelt es dennoch.

^BerlinHerbst 093

Mit dem Kadewe haben meine Kinder endlich mal wieder ein größeres Kaufhaus gesehen. Denn wir hatten im Ort erst ein Karstadt, was denn Hertie wurde und dann pleite war.

Im letzten Winter haben die Sprinkleranlagen einen Wasserschaden verursacht und das Gebäude kann faktisch nur noch abgerissen werden, was es noch unwahrscheinlicher macht, einen Investor zu finden.

Dann kam das Highlight des Tages, denn wir gingen in den Lush Seifen Laden. Meine Kinder geben nie ihr Taschengeld aus, aber die handgemachte biologische Seife wollten sie unbedingt haben. Alles durften sie im Laden pobieren, nutzen, riechen. Wir haben lange Zeit mit viel Spaß dort verbracht und sind mit einer großen Tüte meinen Mann suchen gegangen, der derweil im Buchgeschäft auf uns wartete.

Leider fuhren die Busse dann nicht zeitgerecht, was sich dann als Glück darstellte, denn so sind wir zu diesem schönen Spaziergang unter den Linden und am Brandenburger Tor gekommen.

Berlin Brandenburger Tor

Unter den Linden - Nacht der Lichter

So.... dann wurden wir zu Kuppelguckern und sind die Politikern aufs Dach gestiegen. An der langen Schlange vorbei durch den Spezialeingang für Gehbehinderte - manchmal sind es echte Treats.

^BerlinHerbst 162


Es gibt eine Extra Kinderführung auf der Kuppel. Ich habe mir sie auch aufs Ohr gesetzt, damit ich das höre, was mein Sohn hört und ich weiß, wie ich den Rolli schieben muß, denn die Rampe ist zu steil für ihn. So sind wir Bernd das Brot auf die Kuppel gefolgt, der sich auch kurzerhand in den Trichter stürzte um in der Klimaanlage zu landen, während Chili das Schaaf mit einem nicht genehmigten Raktenauto um den Fernsehturm düste. Gemeinsam haben wir alle Frau Merkel zum Kanzleramt rübergewinkt - aber sie war wahrscheinlich schon zu Hause ;-) keiner hat zurückgewinkt.

Auch an diesem Abend fielen wir müde ins Bett.

Dann hieß auch schon packen, denn der Zug fuhr um 14.00. Diese Zeit nutzen wir noch für die Etage mit den Menzels in der alten Nationalgalerie und die Ausstellung Römer und Etrusker in Berlin.

Während die „normalen“ Museumsbesucher mit bombastischer Architektur zum Staunen gebracht werden,

^BerlinHerbst 203

^BerlinHerbst 231

^BerlinHerbst 234


sehen doch die behindertengerechten Eingänge um ein vielfaches schlichter aus:
Museumsinsel

Museumsinsel

Und so verließen wir sehr müde und vollgepackt mit vielen Eindrücken Berlin, in der festen Absicht wiederzukommen.

Seeing is believing Teil 1

Seeing is believing Teil 2

Kommentare:

  1. Das Lesen deines Berichts und das Anschauen der Fotos waren ein großes Vergnügen!
    Herzliche Grüße,
    Verena (ehemals Gerlindes-Blog)

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  2. ...vielen Dank für den schönen ausführlichen Bericht. Bewundernswert was ihr mit den Kindern in der doch kurzen Zeit in Berlin alles gesehen habt. Ich war schon paar Mal in Berlin, aber so viele Museen habe ich noch nicht gesehen.
    Schön, daß der Rollstuhl so schnell repariert wurde.
    Wünsche euch eine erfreuliche neue Woche,
    liebe Grüße von Birgitt

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