Freitag, 3. September 2010

Betreuung

Mein Mann und ich hatten gedacht, dass Au Pairs aus Osteuropa schon ein wenig gestärkt wären durch das Leben, weil sie schon so manches Mal den Unbillen des Lebens haben trotzen müssen.
Aber es ist doch etwas anders. Gerade im russischen Einflußbereich scheinen Töchter zu kleinen Prinzessinnen erzogen zu werden, denen man unter mütterlicher Selbstaufgabe ein schönes behütetes, unselbständiges Kinderleben ermöglicht, damit sie diese Zeit genießen können und sich dann für Kind und Familie nach der Hochzeit auf gleiche Weise aufgeben müssen.
Das ist jetzt bestimmt keine allgemeingültige Wahrheit, aber unsere Beobachtung bei doch so einigen von unseren Au Pairs.
Die Au Pairs waren in der Regel ziemlich unselbständig, was das Leben anging. Das, was ich jetzt hier schreibe, galt nicht immer für alle im ganzen Umfang, aber in Teilbereichen schon. Sie haben den Umgang mit Geld noch nicht gelernt. So war dann oft viel Monat am Ende des Taschengeldes übrig. Wir hatten auch so einige Diskussionen, da sie meinten 260 € im Monat seien nicht viel Geld. Dennoch muß man ja bedenken, dass dies ja übrig ist, nachdem alles andere bezahlt ist. Also das Zimmer eingerichtet und geheizt, der Computer läuft, das Fahrrad vor der Tür steht, der Kühlschrank gefüllt ist, die Müllgebühr bezahlt ist, das Telefon mit Flat für Deutschland im Zimmer steht, die Waschmaschine die Wäsche gewaschen hat und die Versicherungen natürlich bezahlt wurden usw.
Dies wurde immer wieder dann virulent, wenn sie planten sich durch Arbeit ein Studium in D zu finanzieren und die Fixkosten völlig falsch einschätzten.
Ein Au Pair schloss überall auf der Straße Verträge ab, aus denen wir sie dann immer wieder rausholen musste. Sie war sich gar nicht bewusst, dass Verträge auch bindend sind und welche Verantwortung sie für sich und mit ihrer Unterschrift übernimmt.
Eine andere hat alle Kataloge sich ins Haus kommen lassen. Das war eine Heidenarbeit, die alle wieder abzubestellen.
Was mich immer wieder erstaunte, waren eigentlich diese stark ausgeprägten Empfindlichkeiten, dass es zu warm, zu windig, zu kalt, zu schwül, zu eng, zu weit oder sonst was war. Niemals die Fähigkeit auch mal etwas auszuhalten, was vielleicht nicht so angenehm ist.
Was auch immer schwierig war, war die Vorratshaltung. Bis zum Schluss wurde es mir oft als Bösartigkeit ausgelegt, dass zunächst das verbraucht werden muss, was verdirbt oder das nächste Verfallsdatum hat. Kaum eine hat in dem Jahr einen Blick dafür entwickelt. Manche haben es sogar so verstanden, als wollte ich ihnen vorenthalten, was sie gerne mögen. Dies gerade an den Tagen bevor man in Urlaub fuhr oder in den letzten Tagen des Urlaubs, wenn man im Ferienhaus war, an denen dann einfach die Reste verbraucht werden und nichts neues mehr gekauft oder geöffnet wird.
Wenn man etwas angeboten hat, was „Wegmusste“ zB in obigen Situationen, kam in 10 Jahren Au Pair Gastelterndasein die Unisono Antwort: Nein danke, ich habe satt.
Aber mir wurde gerade erzählt, dass sich das nicht auf die Au Pairs beschränkt, sondern dies bei deutschen jungen Frauen, selbst mit Ausbildung aber noch ohne Familie, nicht viel anders sei.
Das lernt man wahrscheinlich erst, wenn man wirklich mit eigenem Geld für mehrere Personen wirtschaften muss und nicht willens ist, immer wieder viel wegzuschmeißen.
Das ganze hier klingt jetzt wieder nach nur Gejammer. Das ist ja jetzt eine Zusammenfassung von 10 Jahre Erfahrungen. Auch um ein bisschen Darzustellen, dass es nicht nur eine Entlastung ist, ein Au Pair zu haben. Dies kam nämlich häufig aus dem Umfeld. Ja, ihr habt es ja gut, Ihr habt ein Au Pair. Den Preis (nicht finanziell), den man dafür zahlt, wird nicht gesehen.
Meist war das Zusammenleben mit den Au Pairs ja auch nett und anregend, aber nach 10 Jahren waren wir auch erschöpft uns immer wieder auf neue einzustellen.
Wir waren aber auf die Au Pairs angewiesen, weil wir ansonsten die Kinderbetreuung nicht hätten sicherstellen können. Eigentlich hätten wir sie in den letzten 3 Jahren fast nur noch gebraucht, um uns als Ehepaar mal den Rücken für Aktivitäten frei zu halten. Diese sind für uns so wichtig, da wir nur auf diese Weise, zusammen was unternehmen können und ein Ehepaar sein dürfen, was im Alltag mit einem schwerpflegebedürftigen Kind ansonsten zu kurz käme. Nicht umsonst ist die Scheidungsquote bei Eltern behinderter Kinder noch um ein vielfaches höher als bei anderen.
Leider sind unsere Großeltern zu aktiv, als dass sie Zeit finden, unsere Kinder hier von Zeit zu Zeit mal zu hüten. Wäre das anders gewesen, hätten wir wahrscheinlich schon zu der Zeit, in der der Jüngste in den Kindergarten eingetreten ist, kein Au Pair mehr haben müssen und haben wollen.
Mit den Jahren ist es uns auch immer schwerer gefallen, uns erneut wieder auf neue Personen einzustellen. Wir sind sicherlich dadurch auch schlechtere Gasteltern geworden.
Aber trotz aller anfänglichen Schwierigkeiten haben alle gelernt, hier auch mal für 1 oder 2 Tage den Laden in Schwung zu halten, was auch nicht leicht ist, wenn man da nicht so langsam Kind für Kind reinwächst.
Außerdem und das war uns immer das Wichtigste und das Elementarste, und das ist wahrscheinlich die Antwort auf die Frage, warum wir bei dieser Form der Betreuung geblieben sind, dass alle zu den Kindern immer lieb, geduldig und nett waren. Sie waren immer höflich und zuverlässig und haben sich gut um die Kinder gekümmert. Sie waren vor allem zuverlässig da und es kam nicht kurz vorher die Absage, ich habe was anderes vor oder ähnliches.
Damit müssen wir jetzt leben und dieses immer Organisieren mit doppeltem und dreifachem Boden, Bitten und Betteln, das Anbieten des behinderten Kindes wie Sauerbier, kosten unglaublich viel Kraft, so dass man dann schon oft keine Lust oder Energie mehr für die eigentliche Aktion hat, für die man gerne Betreuung genutzt hätte. Und dann kommt der Spruch, sie werden ja größer und selbständiger. Das geht so schnell, da muß man durch, wenn man sich Kinder anschafft.
Ja, stimmt, für gesunde Kinder. Wir sind aber wie in einem Zeitloch des Kleinkinddaseins gefangen. Bei uns wird es in der Gesamtheit nicht selbständiger, eines bleibt immer im Kleinkindstadium, was die Betreuungsbedürftigkeit angeht. Es ist nicht wie bei anderen Eltern ein Zeitabschnitt, der irgendwann mal (vielleicht sogar zu schnell) zu Ende ist. Hier vor Ort wird in den nächsten 8 Jahren wohl kein Wohnheimplatz für unseren Sohn sein. Er ist dann 21 – so lange brauchen wir Betreuung, müssen uns jede freie Zeit, jede Erholung erkaufen.


Muschelsucher

Kommentare:

  1. Jetzt will ich auch mal wieder bei dir meine
    Spuren hinterlassen.
    Du schreibst das sehr interessant. Es ist
    für mich alles neu. - Öfters lese ich mal
    deine Texte wieder.

    Eure Eltern sind zu beschäftigt, um euch zu
    helfen. Habt ihr keine Verwandten, die euch
    unterstützen könnten?
    Könnt ihr eure Kinder mal allein lassen?

    Es ist sehr schwer, wenn man durch Pflege
    immer gebunden ist.

    Ich wünsche euch einen erholsamen Abend.
    Herzliche Grüße
    Elisabeth

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  2. Hallo
    Du schreibst so informativ und ich versteh es sehr gut, wie es Euch geht. Ich glaub, dass sich keiner reinfühlen kann, der nicht mit einem Kind zusammenlebt...das immer wie ein Kleinkind bleibt. Und so ist es ja dann auch gar nicht. Kleinkinder haben eine Weiterentwicklung...man weiss als Mama um das begrenzte Füttern, Wickeln, besonders aufpassen...etc.Man freut sich auf die Zukunft.
    Unsere Kinder brauchen so viel Pflege und Aufmerksamkeit...aber sie werden größer, schwerer, manches funktioniert plötzlich nicht mehr, was schon mal da war...
    Robert wäre nächste Woche in der Kurzzeitpflege gewesen. Nach den langen Ferien, die wunderschön aber auch sehr anstrengend mit ihm waren...hab ich mich auf die Pause gefreut. Ich bin so froh drum, dass wir diese Einrichtung haben. Ja, das zahlt man und man "kauft" sich die Betreuung...aber wenn es super ist und dem Kind guttut, dann ist es o.k. (die Pflegekasse zahlt ja mit!).
    Nun muss am Montag geklärt werden, ob er mit dem gebrochenem Fuss kommen kann. Sowieso erst später, weil am Dienstag ist Kliniktermin, den natürlich ich mache! Ich hab mich so nach dieser kurzen Pause gesehnt...und nun geht es vielleicht gar nicht...
    Und nun kommt es: eine Bekannte ist der Meinung, dass ich schon spinne...er läuft doch, redet, was ich eigentlich habe!!??
    Ja, er läuft...auch über Strassen (pausenlose Beaufsichtigung!)
    ja, er isst...ao viel auf einmal, dass er ab und zu fast erstickt...(dabeibleiben!)
    ja, er schläft...aber jederzeit sind Anfälle möglich (nie allein lassen!)
    Schau, das klingt nun auch wie Jammern..ist es aber nicht. Ich versteh Dich soooo gut. Es ist für dich ja noch anstrengender, als mit Robert. Ich bewundere Dich, wie Du's schaffst.
    Viele Wochenenendgrüße
    ich freu mich schon, wenn Du weiterschreibst
    Elisabeth

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