Freitag, 27. August 2010

Zu Tisch bitte

Eine große Diskrepanz des Lebens bei uns und der Ukraine scheint die Einnahme der Mahlzeiten zu sein.

Wir essen in der Küche, fangen gemeinsam an, beenden sie gemeinsam. Normalerweise ist es der familiäre Kommunikationsknotenpunkt des Tages.

Anders schien es bei fast allen Au Pairs zu Hause abzulaufen. Uns erschien es so, dass fast überall zu Hause bei den Mahlzeiten der Fernseher gelaufen ist. Kommuniziert wurde bei den Mahlzeiten gar nicht. Angeblich sei das unhöflich – komisch, sind sie doch alle so stolz auf ihre Feier- und Geselligkeitskultur. T. hatte dazu die Angewohnheit beim Essen leise vor sich hin zu summen.

Es hat überhaupt einige Zeit gedauert, bis ich sie davon überzeugte, dass auch sie am Anfang der Mahlzeit sich mit an den Tisch setzen möchte und da auch sitzen bleibt, bis sie beendet sei. Sie sprang immer wieder auf, rannte durch die Gegend, musste noch schnell was erledigen. Nur kann ich unter solchen Begleitumständen nicht von meinen Kindern verlangen, am Tisch sitzen zu bleiben.

Das Problem kriegten wir in den Griff. Die Stille blieb. Sie blieb auch für Jahre.

Besonders stellte sich heraus, dass alles jenseits von Polen mit meinem Mann nicht sprach. Das war immer eine blöde Situation. Er kam sich schon richtig komisch vor.

Das machte aber auch für mich alles anstrengender, denn jede Planung, jede Erklärung, jede Ansage von Aktivitäten blieb mir überlassen.

Auch am Wochenende. Wie oft hätte ich mir gewünscht, dass mein Mann einmal mit Kindern und Au Pair ein Museum aufsucht, einen Park, eine sonst wie geartete Freizeitgestaltung betreibt, damit ich einmal alleine durchschnaufen kann. Aber alleine mit meinem Mann haben sie letztendlich nichts gemacht, bzw mein Mann weigerte sich auch mit stummen Puppen durch die Gegend zu fahren.

So habe ich dann meinem Mann auf diese Weise freie Zeit für sich verschafft, kam selber aber leider nie – oder selten - in den Genuß.

In dieser Stille war es von Vorteil, dass T. nach den Bachblüten Tropfen nonstop redete, so kam wenigstens kein beklemmendes Schweigen auf, wenn ich mal nicht da war.


Muschelsucher

Kommentare:

  1. Mit Interesse habe ich wieder deine
    Erzählung gelesen.
    Schade, dass du so wenig Freiraum hast.
    Liebe Grüße
    Elisabeth

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  2. Hallo, Du hast unseren Herzkissen-Blog Kiel besucht. Vielen Dank für Dein Lob. Aber was Du so in Deinem Alltag bewältigst, ist viel bemerkenswerter. Du strahlst viel Kraft und Zuversicht aus. Ich wünsche Dir und Deiner Familie alles, alles Gute.
    Liebe Grüße aus Kiel, Nora :-))

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