Donnerstag, 26. August 2010

Die ersten Tage mit T.

Die ersten Tage mit einem neuen Au Pair sind für beide Seiten sehr kräfteraubend. Beide müssen sich aufeinander einstellen, viele Behördengänge erledigen, Sprachbarrieren überbrückt werden, ggf. technische Probleme wie kyrillische Buchstaben auf dem Computer, schlechte Verbindungen ins Heimatland, günstige Vorwahlen für die Heimatgespräche suchen usw.

Wenn man dann auch noch in der Endphase schwanger ist, kippt man abends erledigt ins Bett. Hilfe ist ein Au Pair in den ersten Tagen kaum.

Man merkte auch, dass T. doch recht weit aus dem Osten kam. Vieles, was bei A. selbstverständlich war, fehlte an Fähigkeiten bei T.
Sie konnte nicht schwimmen und nur rudimentär Fahrradfahren.

Sie hatte den Führerschein, aber konnte letztendlich nicht Auto fahren. Sie war nur mit dem Fahrschullehrer auf kleinen Straßen außerhalb des Ortes bis höchstens im 3. Gang gefahren. Sie hatte noch keine Kreuzung überwinden müssen, an keine Ampel gehalten. Vorfahrtsregeln kannte sie aus der Theorie aber hatte sie in der Praxis nicht anwenden können.

Wir merkten bald, dass sie nicht gleichzeitig schalten und auf den Verkehr achten konnte. So haben wir sie bei der hiesigen Fahrschule angemeldet, damit sie nochmals einen Schliff bekam. Dabei ist aber auch nichts herausgekommen, außer dass sie sich in den Fahrlehrer verliebte.

Also haben wir Auto Auto sein lassen und versucht ihr das Fahrradfahren mit Kinderanhänger näher zu bringen. Dies war für alle die weniger gefahrvolle Variante.

Was auch bemerkenswert war, war die Selbstaufgabe des eigenen Lebens. Sie war auf der Suche nach einem Glück. Einem Glück außerhalb der Ukraine. Dabei ging es ihr im wesentlichen nicht um sich, sondern um die Zukunft ihrer Kinder.

Sie hatte sich auf einem Onlineportal als heiratswillige Ukrainerin in den USA angeboten und so auch so manchen Brieffreund gefunden. Hochzeitspläne inklusive.

Wir hatten uns die Seite damals angesehen. Ca 14000 Ukrainerinnen boten sich an, mindestens doppelt so viele Russinnen auch noch. Man konnte da die Frauen in den Warenkorb legen und dann dafür bezahlen, die Kontaktinfos für sie zu bekommen.

Es war erschreckend, warf es doch ein grausam klares Bild auf die Misere der Menschen.

Noch erschreckender, wenn auch das nicht verwunderlich war, war was an Männern antwortete.

„Sweet peaches“ nannten wir einen ihrer Verehrer, weil so immer seine Briefe an sie anfingen. Er schickte Bilder von sich, auf denen er wie ein Neonazi aussah. Ob er meinte, damit in Deutschland besonders zu punkten weiß ich nicht. Diese (Brief) Beziehung zog sich über das ganze Jahr bei uns hin. Ich redete immer wieder auf sei ein, sich nicht darauf einzulassen.

Gegen Ende des Au Pair Jahres wollte Sweet Peaches sie besuchen kommen, aber er hätte angeblich keine Möglichkeit an einen Paß zu kommen, weil er für die national security arbeitete. Mir wollte sie nicht glauben, dass das mehr als fischig klang. Die einzigen Gründe, die ich kenne, dass die Reisefreiheit eines US Amerikaners beschränkt wird (abgesehen vom finanziellen) ist, dass er im Gefängnis sitzt, unter Hausarrest steht oder als Soldat im Kriegseinsatz ist. Letzteres war auszuschließen und die Alternativen waren keine Guten.

Ich bat einen amerikanischen Freund mit ihr darüber zu sprechen, ich weiß nicht was er sagte, aber es schien Eindruck hinterlassen zu haben.

Letztendlich ist sie nach dem Jahr bei uns dann doch nach Hause gereist und hat ihr Studium in der Ukraine beendet, hat ein weiteres Au Pair Jahr in Österreich angeschlossen und dort dann studiert. Dieser Werdegang gefällt mir viel besser, ich hoffe Ihr auch.

Jetzt bin ich hier schon am Ende des Au Pair Jahrs angekommen, obwohl die Überschrift doch „die ersten Tage“ lautet. Ich wollte gar nicht so abdriften.

Also die ersten Tage waren gekennzeichnet von aktivem Kennenlernen. Am ersten Tag stieß sie sich an unserem Auto recht heftig den Kopf, an den folgenden Tagen nutzte sie Strandspaziergänge, um mit dem Hinterkopf auf die einzigen Steine hier zu fallen, und sich an den Steinbuhnen eine Kopfplatzwunde zuzuziehen.

Wir sind dann in die Ambulanz ins KH gefahren, wo wir immer wieder Richtung Kreißsaal dirigiert wurden, stand ich doch ein paar Tage vor der Niederkunft und jeder meinte, es sei jetzt wohl soweit.

Es war dann ja auch bald soweit und dann wurde T. ins kalte Wasser geschmissen und musste schwimmen, denn ich war ja nicht mehr da.

Sie machte es bemerkenswert gut.

Als ich mit unser Tochter dann wieder zu Hause war, hatte ich Schwierigkeiten mein Kind zu versorgen, denn ich durfte kaum an sie ran. T. hatte sie adoptiert. Als ich dann leider das Stillen einstellen musste, denn aufgrund einer Herzproblematik (persistierender Ductus ateriosus – hat sich nach 5 Monaten von selbst verschlossen) hatte unsere Tochter zu wenig Kraft zum Trinken, gab es noch nicht einmal einen Vorwand, wieso ich sie füttern musste. Mir wurde mein Kind einfach abgenommen, was bei mir Panik und schlimmsten Baby blues auslöste.

Weil die intensive Krankengymnastik mit dem Großen und das neugeborene Kind doch viele Kräfte brauchten, luden wir eine Freundin von A. ein, die Sommerferien bei uns zu verbringen. Sie half uns ein weinig und frischte ihr Deutsch auf. Sie war in der fröhlichen Runde dabei, als der Herr vom Arbeitsamt gekommen war.

Sie kam wenige Wochen nach der Geburt von unserer Tochter.

Zuerst war T. gar nicht angetan Verstärkung zu bekommen, aber letztendlich haben beide die Zeit sehr genossen und hatten viel Spaß zusammen.

Viele Dinge; die für uns selbstverständlich sind, mussten vermittelt werden. Wir wuchsen damit auf, den Kühlschrank immer wieder zu schließen, nicht mit fließendem heißen Wasser zu putzen, die Heizung am Thermostat und nicht mit dem Fenster zu regulieren, die Heizung bei längerem Verlassen des Zimmers runterzudrehen usw.

Das waren alles Dinge, die wir täglich immer wieder T. nahe bringen mussten. Dazu kam eine absolute Abneigung gegen alle technischen Geräte. Sie wollte alles mit der Hand spülen. Sie bestand darauf, ihre Wäsche mit der Hand (unter fließend heißem Wasser) zu waschen usw.

Mit Engelszungen versuchten wir sie davon zu überreden, dass die Kleidung die Wäsche überleben wird, es wirklich ökologischer ist usw. Wir haben Waschnetze besorgt, falls sie Hemmungen hat, ihre Wäsche mir zum Waschen zu überlassen, aber so recht hat sie nirgends angebissen. Das war ein harter Kampf – und so ganz haben wir ihn nie gewonnen.


Muschelsucher

1 Kommentar:

  1. Ich bin wieder da, und ich lese weiterhin
    begeistert deine früheren Erlebnisse.
    Wenn ich Zeit habe, schaue ich mir auch ältere
    Beiträge an.
    Einen guten Abend wünscht dir
    Elisabeth

    AntwortenLöschen